Die Kunst, warten zu können

Kennen Sie das? Sie warten auf einen Anruf, eine Nachricht oder auf eine Person, und nichts geschieht. Was geht in Ihnen vor? Verspüren Sie Unruhe, Angst, Ärger, oder schaffen Sie es, ruhig und gelassen zu bleiben? Doch es hat durchaus Vorteile, warten zu können.

 Bildquelle: unsplash.com, delfi de la Rua

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Laut Duden bedeutet „warten“ „dem Eintreffen einer Person, einer Sache, eines Ereignisses entgegensehen“, und „Er-wartung“ ist ein „Zustand des Wartens, Spannung“ bzw. „vorausschauende Vermutung, Annahme, Hoffnung“. Wenn wir warten, dann haben wir also zumindest eine Vermutung, worauf wir warten, und verbinden diese mit einem Gefühl, welches meist sehr angenehm ist. Wir warten auf eine Belohnung, oder darauf, eine unangenehme Sache (wie z.B. Unsicherheit) schnell hinter uns zu haben.

Die SMS einer neuen Bekanntschaft erwarten wir mit Sehnsucht, Hoffnung auf nette Worte und der Angst vor Ablehnung. Schlimmer als eine negative Antwort ist nur gar keine Antwort, weil sie den Zustand des Wartens (und der Ungewissheit) noch weiter verlängert. Und warten nervt die meisten von uns. Als Kinder half uns der Adventskalender, um die Warterei zu versüßen. Aber als Erwachsene, wenn wir bei Tonbandmusik in der Warteschleife hängen, oder an der Supermarktkasse drei Leute vor uns anstehen, nervt uns das Warten, denn wir haben ja keine Zeit zu verplempern. Doch sehen Sie es positiv. Durch das Warten lernen wir sehr viel über uns selbst.

„Das Marshmallow-Experiment“, das der aus Österreich in die USA ausgewanderte Psychologe Walter Mischel in den 60er-und 70er- Jahren durchführte, wurde berühmte. Er untersuchte, wie gut 4-jährige Kinder in der Lage waren, alleine vor einem Marshmallow zu warten, und welche Strategien sie anwandten, um zu widerstehen. Waren sie erfolgreich, winkte ein zusätzlicher Marshmallow als Belohnung. Schon das Verhalten von Babys zeigt die Fähigkeit zu warten. Im Rahmen einer Langzeitstudie wurden die Lebenswege der Kinder über Jahrzehnte verfolgt.

Es zeigte sich: Menschen, die fähig sind, ihren Belohnungswunsch sehr lange aufzuschieben, sind geduldig und haben eine hohe Selbstkontrolle. Sie verfügten über eine höhere Konzentrationsfähigkeit, eine bessere Frustrationstoleranz, sind selbstbewusster, haben höhere Werte beiIntelligenztests, bessere Schulnoten, häufiger einen Uni-Abschluss, stabilere Beziehungen, nehmen seltener Drogen, und sind schlanker.

Wieso fällt es manchen Menschen viel leichter, zu warten?

Diese Menschen können mit Stress besser umgehen. Das Wort „Stress“ kommt aus der Physik und bedeutet Spannung. Die Spannung, die entsteht, wenn wir den leckeren Marshmallow sehen, und unsere Impulse kontrollieren sollen. Wenn Engelchen und Teufelchen in unsere Ohren flüstern „warte ab, dann bekommst du zwei“ und „greif zu, was man hat das hat man“. Je nachdem, wie wir gelernt haben, die beiden Zuflüsterer zu beachten oder zu ignorieren, antwortet entweder unser „Hot System“ oder unser „Cool System“, wie sie Mischel nennt.

Das „Hot System“ ist das limbische System, einer der ältesten Teile des Gehirns, und Sitz unserer Emotionen und instinktiven Reaktionen. Das „Cool System“ ist der entwicklungsgeschichtlich jüngere präfrontale Kortex, Ort unserer Vorstellungskraft, Impulskontrolle und unserer Planungsfähigkeit. Im Stress übernimmt das Hot System die Kontrolle, dann heißt es nur mehr „haben wollen“, und wir sind wieder das Kleinkind im Spielzeugladen. Können wir mit Stress gut umgehen, sehen wir die Sache reflektierter und bedenken die Auswirkungen unseres Handelns, ganz so, wie es Erwachsene tun (sollten).

Gehören Sie auch zu den Ungeduldigen?

Keine Sorge, das lässt sich ändern. Gene spielen zwar eine Rolle, aber Umwelt, Erziehung und Erfahrungen sind genauso wichtig. 25% der Versuchsteilnehmer veränderten im Laufe der Jahre ihr Verhaltensmuster.  Und es lohnt sich, denn„Nur der Mensch, der sich selbst beherrschen kann, ist frei“, weil er nicht von seinen Instinkten getrieben wird, sagt Mischel.

Wie können Sie das „Warten können“ lernen?

·         Meditation ist ein Weg, weil Sie damit den Fokus der Aufmerksamkeit ändern.

·         Achtsamkeit, denn die Fähigkeit zur Selbstkontrolle kann über unsere Wahrnehmung verbessert werden, und sie fällt leichter, wenn wir sie uns zur Angewohnheit machen.

·         Motivation. Wenn Sie ein Ziel haben, für das sich das Warten lohnt, entwickeln Sie auch die nötige Beharrlichkeit, um durchzuhalten.

·         Mentaltraining. Damit lernen Sie, Ihre Gedanken zu verändern.

„Wir können ändern, was die Dinge mit uns machen, indem wir anders über sie denken. Das ist die Kraft der Gedanken. Wenn ich zum Beispiel an Diabetes erkranke, dann ist es für mein Überleben wichtig, dass ich einem Stück Kuchen eine andere mentale Bedeutung zuschreibe – dass ich in ihm nicht mehr eine leckere Nascherei sehe, sondern Gift.“ meint Walter Mischel dazu.

Wenn Sie also das nächste Mal warten müssen und feststellen, wie Ihre Emotionen hochkochen, denken Sie daran, dass sich hier gerade Ihre jüngere Version meldet, die darum kämpft, dass ihre Bedürfnisse jetzt, hier und sofort erfüllt werden sollen. Und dann tun Sie, was Sie auch mit einem kleinen Kind tun würden: nehmen Sie seine Bedürfnisse ernst, doch wenn sie nicht sofort erfüllbar sind, lenken Sie es ab, sorgen Sie für Unterhaltung und stellen Sie ihm eine kleine Belohnung in Aussicht, wenn es brav wartet.