Warum granteln manchmal durchaus gesund ist

Der grantelnde Wiener – was für ein schöner Stereotyp. Sicher kennen Sie auch jemanden, der genau diesem Klischee des ewig unzufriedenen, nörgelnden Menschen entspricht, der selbst durch die positivsten Argumente nicht davon zu überzeugen ist, dass die Welt sich nicht gegen ihn verschworen hat. Solche Typen nerven, sie kosten uns auf Dauer Lebensfreude und Energie.

 Bildquelle: picjumbo.com, Viktor Hanacek

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Doch es hat durchaus auch Vorteile, hin und wieder zu granteln. Nach dem Motto „wenn mich schon keiner bemitleidet, mache ich es halt selbst“, können wir uns so die Zuwendung holen und Zuspruch geben, die uns in einer belastenden Situation trösten.

Die Medizin kennt den Nocebo-Effekt (nocebo, lat.= ich werde schaden) als Gegenteil des Placebo-Effektes. Unsere Erwartungshaltung und Konditionierung bleiben nicht ohne Folgen. Wenn das Granteln Überhand nimmt, hat die Beschäftigung mit unseren negativen Gedanken auch mannigfaltige negative Auswirkungen, z.B. auf unsere Hormonsystem, auf unser Stresssystem und damit auf unsere Gesundheit. Darum ist es gut, wenn wir diese negativen Gedanken loslassen können. Das Aussprechen der Dinge, die uns beschäftigen, ist eine Art Verabschiedungsritual, wie wir es aus dem Trauerprozess kennen. Studien haben nachgewiesen, dass es hilft, wenn wir unsere Gedanken aufschreiben – und den Zettel dann zu vernichten. Das setzt einen symbolischen Schlusspunkt. Es funktioniert übrigens auch, wenn man am Computer schreibt und das Dokument dann in den Papierkorb zieht. Tabula rasa sozusagen.

Granteln als Form der Psychohygiene ist in Ordnung, sofern sie im Rahmen bleibt. Wenn wir dadurch aber in einer Negativspirale gefangen bleiben, oder andere Menschen mit unserem Seelenmüll belasten, ist es jedoch zu viel des Schlechten. Wer eine grundsätzlich positive Einstellung und Sicht auf das Leben hat, darf sich aber durchaus ohne schlechtes Gewissen ein paar Momente der Unzufriedenheit gönnen, die gehören zum Leben dazu. Mit Humor, ein bisschen innerer Distanz und Selbstironie fällt es übrigens leichter.