Der Vanillekipferl-Konstruktivismus

Warum ist es unmöglich, das perfekte Vanillekipferl zu backen, das alle lieben? Warum sind die nie so gut sind, wie die von Mutti? Die Antwort liefert der Konstruktivismus.


 Bildquelle: pixabay.com, HoliHo

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Der Konstruktivismus besagt, "die" Wirklichkeit ist nur ein Konstrukt. Ich erkläre das genauer an einem Beispiel:

Beim Wort "Vanillekipferl" habt ihr sicher sofort ein Bild vor Augen, den Geschmack davon im Mund, den Duft in der Nase, fühlt die Konsistenz und hört vielleicht sogar ein Weihnachtslied. Ihr empfindet Vanillekipferl mit allen Sinnen. Solche "evokativen" Wörtee, also emotional besetzte, nutzen wir übrigens auch im Mentaltraining und in der Hypnose.

Sage ich "Vanillekipferl", glauben wir alle, wir sprechen vom selben. Wenn ich nachfragen würde, nach welchem Rezept eure Kipferl gemacht werden, wie sie aussehen und schmecken, bekäme ich aber viele unterschiedliche Antworten. Manche machen sie mit Mandeln, manche mit Walnüssen, andere kombinieren, bei dem einen müssen sie locker in den Mund passen, beim anderen soll man abbeißen könne.

Jeder bäckt seine Vanillekipferl nach seiner Vorstellung davon, wie sie zu sein haben. Er konstruiert sich seine Wirklichkeit nach seiner inneren Landkarte, die er im Laufe seines Lebens gezeichnet hat, und die natürlich auch von seinen Erfahrungen geprägt wurde. Doch die Landkarte (=das persönliche Vanillekipferl-Rezept) ist nicht die Landschaft (=alle möglichen Rezeptvariationen), sondern nur ein Abbild der Wirklichkeit "Vanillekipferl".

Wenn euch also jemand "die besten Vanillekipferl, die ihr je gegessen haben werdet" anbietet, greift ruhig zu. Ihr erfahrt dann, was dem anderen schmeckt, wohlwissend, dass das nicht unbedingt eure Favoriten sein werden. Trotzdem sind es Vanillekipferl.

Viele Konflikte entstehen, weil wir davon ausgehen, dass es nur eine Wahrheit gibt, und vergessen, dass das, was wir für wahr und eindeutig halten, immer subjektiv ist. Viele Kommunikationsprobleme würden wegfallen, wenn man zuerst die Begriffe definieren würde. "Sag, was ist denn für dich ein richtiges Vanillekipferl? Klein/groß, welche Zutaten, wie dunkel gebacken?". Der Konstruktivismus mahnt und zu hinterfragen, andere Sichtweisen zu akzeptieren und tolerant zu sein. Das passt ja wunderbar in die Weihnachtszeit.

Wenn euch jetzt wie Pawlow's Hund bereits das Wasser im Mund zusammen läuft, ab in den nächsten Supermarkt, kauft Mehl, Nüsse, Zucker und Fett, und was ihr sonst noch braucht, macht euch voll Vorfreude ans Werk und backt nach Muttis Rezept "eure" Vanillekipferl. Gutes Gelingen, und lasst sie euch schmecken!